Atomic Anxiety
Montag, März 21, 2011 at 01:55PM
Bevor der Libyen-Einsatz am Wochenende auch die Medien in den USA dominierte, musste sich die Obama Administration im Verlauf der Woche der zunehmenden Sorge um die Sicherheit ihrer Atomkraftwerke annehmen. Fragen, inwiefern ein ähnliches Unglück in den USA geschehen könnte und ob die Bundesstaaten der Westküste von radioaktiver Strahlung bedroht wären, waren von größtem Interesse. Der Präsident ließ dabei klar verlauten, dass Atomenergie auch in Zukunft eine bedeutende Stellung bei der Energieversorgung der USA einnehmen würde. Anlagen würden zunächst nicht stillgelegt, aber wichtige Schlüsse aus der Situation gegebenenfalls gezogen werden. Doch Obama wird noch andere Probleme aus dem Weg räumen müssen, bei seinem Vorhaben, nach 32 Jahren Pause neue Kraftwerke errichten zu wollen: Bereits vor dem Unglück fanden sich nicht genug Wall Street Investoren, die ohne staatliche Kreditgarantien in Milliardenhöhe an solchen Investitionen interessiert waren. Beobachter erwarten daher, dass Erdgas in der nahen Zukunft eine wichtigere Rolle spielen wird.
Keine Gefahr in den USA?
Präsident Obama hat Mitte der Woche die Nuclear Regulatory Commission (NRC) beauftragt, die amerikanischen Atomanlagen einer umfangreichen Sicherheitsprüfung zu unterziehen. Obamas Reaktion wurde von den Medien generell als effektiv und vertrauensbildend gewertet, so die Associated Press. In den USA gibt es insgesamt 104 Atomreaktoren von denen 23 der 40 Jahre alten Siedewasser-Modellreihe angehören, die nun in Japan betroffen ist. Die CBS Evening News erinnerten dann auch, dass es nicht nur in Kalifornien jederzeit zu bedrohlichen seismischen Aktivitäten kommen könnte. Dort befinden sich zwei AKWs die nicht nur von Erdbeben bedroht sein könnten, sondern auch direkt am Meer liegen. Der Wirbelsturm Andrew führte 1992 dazu, dass Turkey Point AKW südlich von Miami für 5 Tage ohne Strom blieb. Die NRC, die für die ständige Überprüfung der Sicherheit der US-Anlagen zuständig ist, versicherte ihrerseits, dass amerikanischen Anlagen für eine ganze Reihe an extremen bzw. unwahrscheinlichen Ernstfällen gewappnet sind, schreibt Bloomberg News. Bereits Anfang der Woche hatte Obama schon betont, dass keine Technologie ohne Fehler sei und jede auch ihre Nachteile haben würde, so die Associated Press.
Kritiker aus der NGO-Welt meldeten sich allerdings schnell zu Wort: die Union of Concerned Scientists (UCS) bemängelte in einem Bericht, dass die Behörde zu häufig Energiekonzerne Anlagen betreiben lasse, ohne dass diese Reparaturen zeitgemäß ausführten. Diese Missstände könnten allerdings schnell überhand nehmen, zitiert die New York Times UCS. In der jüngsten Vergangenheit wäre es dabei zu 14 Beinahe-Zwischenfällen gekommen, bei denen die Behörde eingreifen musste, berichtet das San Francisco Chronicle sich auf den gleichen Bericht beziehend. Edwin Lyman von UCS schlussfolgerte dann auch, dass ein ähnliches Unglück auch in den USA passieren könnte, so NBC Nightly News. Die NRC müsste daher ihre Sicherheitsanforderungen gerade für ältere Anlagen deutlich erhöhen. Schließlich waren bereits 1972 die Risiken der Siedewasserreaktoren von General Electrics bekannt, so die New York Times. Beim Sender NBC widersprach Marvin Fertel vom Nuclear Energy Institute diesen Behauptungen und verwies darauf, dass die Energiekonzerne nach 9/11 bereits eine Reihe an Sicherheitsvorkehrungen getroffen hätten, um ihre AKWs z.B. gegen Stromausfall zu schützen.
Nuclear Climate Change Agenda
Im Kongress mehren sich nun auch die Stimmen derer, die den geplanten Ausbau der Atomindustrie verhindern wollen, berichtet ABC World News. Der einflussreiche Demokratische Abgeordnete Edward Markey will z.B. den Neubau von Anlagen in Erdbebenzonen stoppen, so AFP. Senator Joe Lieberman hingegen befürwortet nur einen temporären Stopp bei der Vergabe von Baugenehmigungen bis man die Erkenntnisse von Japan integrieren könnte, so The Hill. Momentan würden 12 Bauanträge vorliegen, zitiert die AFP den Vorstandsvorsitzenden der NRC. Seit dem 3 Mile Island Reaktorzwischenfall am 28. März 1979 wurden keine neuen Anlagen in den USA fertiggestellt.
Bis 2020 sollte es nun aber zu einer Nuclear Renaissance und Fertigstellung von vier bis acht neuen Reaktoren kommen. Präsident Obama und Energieminister Steven Chu unterstützen diesen Ausbau der Atomenergie dabei weiterhin als Teil ihrer Strategie, um die Kohlenstoffdioxid-Emissionen zu verringern, so Politico. Eine Reihe an Republikanischen Spitzenpolitikern äußerten ebenfalls ihre vorbehaltlose Unterstützung für weitere Anlagen, z.B. der Abgeordnete Fred Upton, der Vorsitzender des Ausschusses für Energie und Handel ist. Mitch McConnell, der Republikanische Senate Minority Leader, machte ebenfalls klar, dass man wichtige innenpolitische Entscheidungen nicht sofort nach den dramatischen Geschehnissen in Japan treffen sollte, schreibt The Hill. Der Vorstandsvorsitzende des NRC betonte zudem, die Verpflichtung gegenüber der ständigen Verbesserung und Modernisierung der Atomenergie wahrzunehmen, was auch den Bau neuer Anlagen beinhalten würde, so die AFP.
Obstacles to a Nuclear Renaissance
Die USA Today berichtet derweilen, dass laut einer Umfrage 70 Prozent der Befragten angaben, sich mit Atomenergie nicht sicher zu fühlen: 39 Prozent fühlten sich dabei sehr viel mehr unsicher, 31 Prozent fühlten sich etwas unsicherer nach dem Reaktorunglück. Jedoch sind nur 47 Prozent der Amerikaner gegen neue Anlagen, 44 Prozent bleiben dafür. Eine Woche vor dem Unglück waren allerdings noch 57 Prozent der Befragten für Atomkraft.
Sorge bereitet auch die Lagerung von verbrauchten Brennstäben, die in Japan mit die größte Gefahr stellen, so die New York Times. Eugene Robinson warnte in der Washington Post, dass die USA 70.000 Tonnen an radioaktivem Material hätten, ohne eine langfristge Lagerstelle zu haben. Auch wenn nur ein Bruchteil dieses Materials zu einem vergleichbaren Problem werden könnte, so fehlt den USA ein langfristiges Endlager nachdem Senate Majority Leader Harry Reid die Nutzung von Yucca Mountain in seinem Heimatstaat effektiv verhindert hatte. Momentan wird der radioaktive Müll u.a. auf dem Gelände der AKWs gelagert, welche die Regierung in Washington diesbezüglich bereits verklagt haben: $1 Milliarde wurde schon gezahlt, bis zu $16,2 Milliarden an Verbindlichkeiten stehen noch aus, so McClatchy Newspapers.
Das vielleicht größte Problem für die Pläne der Obama Administration und ihre Partner in beiden Parteien, eine Nuclear Renaissance herbeizuführen, stellt aber die Wall Street dar. Laut der Washington Post fanden sich dort bisher nur wenige Interessenten für die kapitalintensive und augenscheinlich weiterhin riskante Atomenergie, die in der Vergangenheit zu einer Reihe von unvollendeten Anlagen, explodierenden Kosten und bankrotten Firmen geführt hat. Präsident Obama hatte zuletzt im Januar in seiner State of the Union Rede die Atomenergie ausdrücklich gelobt und als Teil seiner Klimawandelstrategie unterstützt. Im Haushaltsantrag für 2012 waren daher bis vor kurzem noch $36 Milliarden für Kreditgarantien veranschlagt worden, um die Atomindustrie zu unterstützen. Der Kommentator Bill Kristol merkte bei Fox News Sunday etwas zynisch an, dass die Obama Administration gerade $36 Milliarden eingespart hätte. In Texas haben CPS Energy und NRG Energy mittlerweile bekannt gegeben, dass Verhandlungen über die Abnahme der zukünftigen Stromerzeugung von zwei geplanten Reaktoren eingestellt wurden. Der Ausbau der bestehenden South Texas Atomanlage hätte 2012 beginnen sollen, so das Houston Chronicle. Beobachter erwarten nun, dass Erdgas in der nahen Zukunft eine wichtigere Rolle spielen wird, schreibt das Wall Street Journal.
kasusa |
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