Saint Sarah Uses F-Word
Mittwoch, Juni 16, 2010 at 06:07PM Die Diskussion um weibliche Mandatsträger und solche, die es noch werden wollen, geht in die nächste Runde. Zwar scheinen Frauen-Hosenanzüge und Haarschnitte nach wie vor diskutiert zu werden, doch verringert sich deren Bedeutung. Eine Kandidatin hat es jedoch geschafft, diesbezüglicher Kritik zu entgehen bzw. erfolgreich zu managen. Die frühere Gouverneurin von Alaska und Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikaner, Sarah Palin, schafft es stattdessen anderweitig auf den Schlagseiten zu erscheinen. Nun machte sie zum ersten Mal Gebrauch vom negativ konnotierten Wort „Feministin“. Sie versucht die Bedeutung des Wortes neu zu besetzen und langfristig Feminismus vom Recht auf Abtreibung zu trennen. Gleichzeitig versucht Palin damit, sich die Unzufriedenheit der Tea Party Bewegung zu Nutze zu machen, von ihrer Sicht zu überzeugen und um von ihr favorisierte konservative Kandidaten und Kandidatinnen im Vorwahlkampf zu unterstützen. Dass sichert sie nicht nur diesen Kandidaten (und sich selbst) Stimmen, sondern kreiert womöglich auch eine neue konservative Bewegung.
F-Word Reloaded
Die Kolumnistin Meghan Daum schreibt in der Los Angeles Times, dass Sarah Palin nun das sogenannte „F-Wort“ für sich entdeckt hätte. Bei dem besagten Wort, von dem Palin Gebrauch machte, handle es sich selbstverständlich um „feminist“, das am stärksten polarisierendste Wort im soziopolitischen Jargon – selbst Begriffe wie „Umweltschützer“ oder auch „Advokat für Homosexuellen-Rechte“ würden dagegen schon fast banal erscheinen, so Meghan Daum. Völlig ungezwungen hätte die Republikanerin dieses Wort in einer Rede für Kongresskandidatinnen der Non-Profit-Organisation Susan B. Anthony List verwendet, welche sich insbesondere für den Schutz ungeborenen Lebens stark macht.
The Mama Grizzlies
Palins Definition des Feminismus-Begriffs beinhaltet einen neuen, alten Ansatz: Palin beschreibt am Beispiel der Mama Grizzlies, dass junge Frauen ähnlich wie starke “mama grizzlies” sehr wohl in der Lage seien, Ausbildung und Familie zu vereinbaren – auch wenn traditionelle Feminismus-Gruppierungen behaupten, dass dies nicht möglich sei, so Meghan Daum. Daher meint sie, dass wenn Palin den Mut hat, sich als eine Feministin zu bezeichnen, sie dann auch das Recht hätte, als solche anerkannt zu werden. Das amerikanische Feminismus-Magazin Ms., das von der Frauenrechtlerin Gloria Steinem herausgegeben wird, vertritt jedoch die Gegenposition und wehrt sich vehement, da es nicht ausreiche, sich eine Feministin zu nennen, um tatsächlich auch eine zu sein.
Die konservative Kolumnistin Colleen Carroll Campbell, die u.a. für die Washington Post schreibt, titelte jüngst einen Beitrag mit “Pro-life feminism is the future”, in dem sie darauf verweist, dass die Debatte erneut an Schwung gewinnt, da Palin auf den Zug der bereits 1972 etablierten Frauenrechtsorganisation „Feminists for Life“ aufspringt und damit versucht, den Neuen Feminismus als Label für sich zu besetzen. Traditionell waren die Feminismus-Bewegung sowie die Sympathisanten von Abtreibungsrechten fast nicht zu unterscheiden. Beide würden nun ihre Entrüstung gegenüber Organisationen wie “Feminists for Life” und Frauen wie Sarah Palin offen artikulieren. Grund für deren Empörung sei vor allem Palins Neuauslegung der von dieser Frauenbewegung jahrzehntelang vertretenen Ansicht, dass Feminismus mit dem Recht auf Abtreibung gleich zu setzen sei.
Palin vertritt genau das Gegenteil: Die strikte Trennung zwischen dem Recht auf Schwangerschaftsabbrüche und Feminismus. Im Besonderen lehnt sie Schwangerschaftsabbrüche auch in schwerwiegenden Fällen ab. Gemeint seien damit beispielsweise Spätabtreibungen und Abtreibungen bei Vergewaltigungen. Von früheren Feministinnen sei dies nicht unbedingt an den Pranger gestellt und gerne „übersehen“ worden, so Campbell. Palin macht auf dieses „Versehen“ deutlich aufmerksam und versucht dadurch, jüngere Generationen und damit mögliche (Erst-) Wähler für sich und ihre Interpretation zu gewinnen.
Pro-Life vs. Pro-Choice
Campbell beschreibt in ihrer Kolumne, dass viele amerikanische Frauen von “Feminists for Life” durchaus fasziniert seien. Diese Gruppierung stünde für das Recht auf Leben und versuche, Frauen in ihrer Meinung zu bestärken, dass man sich nicht zwischen der persönlichen Zukunft und einem Baby entscheiden müsse. Man müsse stattdessen seine eigene Würde und die Würde des ungeborenen Lebens schützen. Die Annahme, Feminismus sei alleine abtreibungszentriert, wird von den Feminists for Life-Anhängerinnen klar abgelehnt. Es sei falsch anzunehmen, dass Frauen in einem Nullsummenspiel, in dem es um Respekt gegenüber der Menschenwürde geht, nur dann gewinnen könnten, wenn sie ihr ungeborenes Kind nicht zur Welt bringen.
Eine Umfrage des renommierten Gallup Instituts, die bereits seit dem Jahr 1995 in regelmäßigen Abständen wiederholt wird, belegte im vergangen Jahr, dass sich zum ersten Mal seit Durchführung der Umfrage die Mehrheit der Befragten, nämlich 51 Prozent, für das Recht auf Leben aussprechen. Lediglich 42 Prozent unterstützen das Recht auf Abtreibung. Während in den frühen 1990ern noch etwa eine von sieben Frauen Abtreibung als illegal einstufte, sei es heutzutage bereits eine von vier. Auch unter jungen Umfrageteilnehmern zwischen 18 und 29 Jahre fände das Recht auf Leben enormen Zuspruch.
Dass sich die Pro-Life Stimmung langsam aber klar verbreitet, belegt auch eine Umfrage von Overbrook Research aus dem Jahr 2007. Die Studie der den Republikanern zugeneigten Institution zeigte, dass der Prozentsatz der in Missouri lebenden Frauen, die sich selbst als “strongly pro-life” einschätzten, zwischen 1992 und 2006 von 28 Prozent auf 37 anstieg. Vor allem unter jüngeren Frauen sei der Trend sehr deutlich.
Tea Party – A Feminist Movement?
Offen bleibt dabei, inwiefern diese Bewegung in die Tea Party Aufnahme finden kann. Slate will in Erfahrung gebracht haben, dass sechs von acht Mitgliedern des Vorstandes der Tea Party Patriots, die bundesweit als Koordinatoren im Einsatz sind, weiblich sind. Auf Bundesstaaten-Ebene seien 15 der 25 Koordinatorenpositionen auch mit Frauen besetzt. Sprecherin der Gruppierung, Rebecca Wales, beschreibt ihre Bewegung als eine Gruppe, die sich aus einer „Vielzahl an „mama bears“ zusammensetze, die sich um ihre Familie sorgen. Die Tea Party sei ein natürliches Zuhause für Frauen, da man sich dort endlich Gehör verschafft habe. Der neuesten Quinnipac Umfrage zufolge seien es auch vermehrt „verärgerte Hausfrauen“, die Sarah Palin vergötterten, so das Wall Street Journal. Genau diese Hausfrauen könnten wohl niemals Fuß fassen innerhalb des Republikanischen Netzwerkes und engagieren sich stattdessen bei der Tea Party Bewegung.
Sought After King- and Queenmaker?
Ähnlich interessant zu beobachten ist, inwiefern es Sarah Palin schafft, sich an der Spitze der Tea Party Bewegung zu behaupten bzw. diese zu instrumentalisieren. Zusätzliche Bonuspunkte verschafft sich Sarah Palin derzeit durch ihren Einsatz für Parteikollegen im Wahlkampf. Vor allem bei der Kandidatin für South Carolina, Nikki Haley, sei es extrem hilfreich gewesen, dass Palin ihr offiziell ihre Unterstützung zusicherte. Ein Demokratischer Wahlkampfstratege sagte sogar, dass „wir Palin unterschätzt haben.“ Auch wenn es geteilte Meinungen innerhalb der Partei über sie gebe, hätte sie dennoch dazu beigetragen, dass sich die Wahrnehmung von Frauen in der Politik grundsätzlich geändert habe, so die Washington Post.
Dass diese Strategie nicht nur von Nikki Haley erfolgreich gefahren wird, zeigen die Ergebnisse der Vorwahlen in Kalifornien. Auch Carly Fiorina und Meg Whitman, zwei wohlhabende, Republikanische Kandidatinnen, wollten mithilfe von Sarah Palin und ihren Portemonnaies gewinnen. Der Plan ging auf: Die ehemalige Chefin des Computerkonzerns Hewlett Packard (HP), Fiorina, wurden nun zur Republikanischen Kandidatin für den Senat gekürt und die ehemalige Leiterin des Internetauktionshaus Ebay, Whitman, wird als Nachfolgerin von Gouverneur Arnold Schwarzenegger gehandelt.
Neben dem prallen Geldbeutel, bedingt durch ihre früheren beruflichen Tätigkeiten der beiden Kandidatinnen, war aber auch „die Wahlempfehlung von Gouverneurin Palin ganz wesentlich für unseren Erfolg", zitiert die London Times die Pressesprecherin Fiorinas. Auch wenn sich Palin nicht mehr Gouverneurin von Alaska nennen könnte man ihr zumindest den Titel „Queenmaker of California“ zusprechen, so The Daily Beast.
Dass Palin damit nicht nur versucht, ihren Parteikollegen einen Vorteil zu verschaffen, sondern auch sich selbst für das Rennen um das nächste Präsidentenamt empfiehlt, steht außer Frage.
Susan B. Anthony List wurde 1992 im Nachgang an das „Jahr der Frau“ gegründet und sieht sich als Pendant zum bereits 1985 gegründeten Political Action Committee Emily’s List, das sich für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch einsetzt. Emily ist hierbei ein Akronym für „Early Money Is Like Yeast“ - frühes Geld sei also wie Hefe, das vor allem zu Wahlkampfbeginn nötig sei, um weitere Wahlkampfspender für sich zu gewinnen. Emily’s List unterstützte beispielsweise Palins Kontrahentin Hillary Clinton im Präsidentschaftswahlkampf 2008.
Saint Sarah?
Newsweek geht sogar soweit und prophezeit, dass Sarah Palins Schlachtrufe, die die Rolle der Frau hervorheben, eher rechts geneigte Christen zu einer Frauenbewegung machen könnten. Auch wenn viele weibliche Christen Palin nicht ausstehen können, würden viele Männer sie allerdings „anhimmeln“. Ein nicht zu vernachlässigender Anteil an konservativen, bibeltreuen Frauen würde sie jedoch verehren. Und gerade um diese wirbt Palin heftigst, indem sie das Land bereist und Pro-Life Organisationen von sich und dem Schicksal ihres jüngsten Sohns Trig erzählt, der das Down-Syndrom hat.
Palins „Pro-Woman“ Schlachtrufe in evangelischer Umgangssprache, gepaart mit den Pro-Life Beispielen aus ihrer eigenen Familie, bringen Palin in eine Position, die Religiöse Rechte neu zu gestalten und neu zu beleben. Die christlichen Konservativen, eine der einflussreichsten Kräfte in der amerikanischen Politik, seien augenscheinlich bereit eine Frauenbewegung zu werden – zusammen mit Sarah Palin als „bodenständigen Jerry Falwell“, dem früheren fundamentalistisch-baptistischen Pastor und Fernsehprediger, der vor allem durch die Unterstützung der Religiösen Rechten bekannt wurde.
Palin versuche mit ihren neuen glaubensbasierten Botschaften die christlichen Frauen für sich zu gewinnen, die sich traditionell vom Feminismus nicht angesprochen fühlten. Trotz ihrer scheinbaren Authentizität, bliebe Palins wahre Motivation jedoch offen. Auf jeden Fall wolle sie diese Frauen wohl davon überzeugen, dass sie wie sie sei: Eine hart arbeitende Mutter, die viel um die Ohren hat. Es sei nach wie vor eine Grauzone in der Abtreibungsdebatte zu erkennen, so Newsweek, und eben diese Zone beanspruche Palin für die christliche Rechte.
kasusa |
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